Interview mit Dr. Marie-Luise Meinhold: Wie man wirksam Geldströme ändert und eine nachhaltige Entwicklung vorantreibt

Auf meiner Suche nach innovativen Geldlösungen treffe ich immer wieder auf interessante Menschen. Eine davon ist Dr. Marie-Luise Meinhold, Gründerin von ver.de. Sie bezeichnet sich selbst als „Impact Unternehmerin“. In diesem Interview habe ich mit ihr darüber gesprochen, wie Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche funktioniert und welche nachhaltigen Geldanlagen sich die Menschen wünschen.

Dr. Marie-Luise Meinhold startete als freie Unternehmerin mit einer klaren Vision: eine Versicherung zu bauen, die mit jedem Pulsschlag positiven Wandel bewirkt. Sie brachte ein Startup auf den Weg, das hochwertigen Schutz mit sinn-stiftender Geldanlage verbindet.

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele in Einklang zu bringen – das ist ein spannendes Projekt, über das ich mehr erfahren wollte. Dr. Marie-Luise Meinhold ist nicht nur Vollblut-Social Entrepreneur, sondern auch Expertin für Sachversicherungen, die viele Jahre als Fach- und Führungskraft für einen globalen Versicherungskonzern gearbeitet hat. Als promovierte Natur- und Wirtschaftswissenschaftlerin fällt es Marie leicht, komplexe Systeme, wie sie für Versicherungsunternehmen typisch sind, zu verstehen und neu zu modellieren.

In München habe ich mich mit ihr nicht nur über dieses spannende Start-up einer öko-fairen Versicherung unterhalten, sondern auch über eine Befragung auf dem Tollwood-Festival und sicheres Fahrradfahren. Aber lesen Sie selbst:

Annegret Kitzmann-Schubert: „Wie funktioniert eine nachhaltige Versicherung?“

Dr. Marie-Luise Meinhold: Die ver.de Versicherung wird aus zwei Teilen bestehen: einer Aktiengesellschaft, der ver.de Projektgesellschaft AG – und einer Genossenschaft, der ver.de für nachhaltige Entwicklung eG.. Satzungsgemäß ist die Genossenschaft dem Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen verpflichtet. Darin harmonieren Ökologie, Ökonomie und Soziales.

Die Genossenschaft will ein nachhaltiges Sach-Versicherungsunternehmen errichten. Dieses sammelt und bewegt Geld so, dass die Kunden nicht nur sich und ihr Hab und Gut vor finanziellen Verlusten schützen, sondern gleichzeitig die sozialen und ökologischen Wirkungen dieser Geldbewegungen fortlaufend optimiert werden. ver.de ist eine lernende Organisation, die eine größtmögliche positive gesellschaftliche Entwicklung erreichen will.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Wie genau wollt Ihr das erreichen?“

Dr. Marie-Luise Meinhold: „ver.de will Geldströme ändern. Wesentlich ist die Kapitalanlage nach ethischen Gesichtspunkten: Nicht investiert wird beispielsweise in Rüstung und Waffen, Kernenergie, Kohleenergie, Biozide und Pestizide, chlororganische Massenprodukte, Massentierhaltung, Gentechnik in der Landwirtschaft, Embryonenforschung und Suchtmittel. Auch nicht investiert wird in Anleihen von Ländern, die die Todesstrafe verhängen oder Folter praktizieren, unfrei oder undemokratisch sind, Atomenergie ausbauen, den Atomwaffensperrvertrag oder die Genfer Kriegsrechtskonvention nicht unterzeichnet haben oder die besonders korrupt sind.

Stattdessen setzt ver.de Schwerpunkte bei Unternehmen, Menschen und Organisationen, die eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben, zum Beispiel in den Bereichen Erneuerbare Energien, nachhaltige Ernährung einschließlich nachhaltiger Bewirtschaftung von Land und Wald, nachhaltige Wohnprojekte, Bildung, Kultur, Soziales, Gesundheit, nachhaltige Finanzdienstleistungen oder nachhaltige Mobilität. ver.de misst dazu die erwartete nachhaltige Wirkung der Kapitalanlagen und berichtet darüber.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Wie ist das Feedback, das Ihr am Markt erlebt?

Dr. Marie-Luise Meinhold: „Die, die uns kennen, stehen uns sehr wohlwollend gegenüber. Wir haben einen guten Ruf im Nachhaltigkeitsmarkt, insbesondere in München. Durch unsere vielfältigen Aktivitäten haben wir Glaubwürdigkeit und ein gutes Netzwerk aufgebaut. Menschen, die uns noch nicht kennen, sind oft skeptisch. Insbesondere wenn sie erst lernen, welche Macht Geld und Versicherungsunternehmen eigentlich haben. Viele wissen nicht, dass Versicherungsunternehmen Geld anlegen. Sie erleben ja nur die Anträge, die Zahlung der Beiträge und vielleicht die Schäden.

Wenn die Leute das allerdings verinnerlicht haben, dass es nicht egal ist, was ihr Geld und das Geld ihres Versicherungsunternehmens macht, sind auch sie begeistert. Wir bekommen oft Anfragen ‚Ich habe schon nach nachhaltigen Versicherungen gesucht, aber das ist echt schwer!‘ oder ‚Wann seid ihr so weit?‘

Sogar einzelne Vermittler*innen sind begeistert und wollen mit uns zusammenarbeiten. Normalerweise werden die von Versicherungsgesellschaften belagert, die ihre Produkte über sie verkaufen wollen. Bei uns ist es umgekehrt: ‚So etwas gibt es am Markt noch nicht, wunderbar!‘ und ‚Ihr seid ja wirklich so angenehm anders!‘. Das sind allerdings einzelne Vermittler, nicht die Masse. Denn auch die meisten Vermittler haben noch nicht verstanden, welche Wirkung das Geld eigentlich hat, das sie so bewegen. Wir haben hier weiterhin viel Überzeugungsarbeit zu leisten, sowohl in Richtung Kunden als auch in Richtung Finanzsektor, wenn wir wirklich wirksam Geldströme ändern und einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten wollen.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „In Eurem Newsletter habe ich von einer Aktion auf dem Tollwood-Festival in München erfahren. Was habt Ihr da gemacht?

Dr. Marie-Luise Meinhold: „Damit haben wir den Besucher*innen gezeigt, welche Wirkung ihr Geld haben kann. Wir haben ihnen einen Wahlzettel gegeben: ‚Entscheide mit, wie ver.de das Geld anlegt‘ war das Thema. Und die Leute haben gerne mit gemacht: 113 Stimmzettel wurden vor Ort abgegeben. Zusätzlich zu den Besucher*innen des Tollwood haben auch einige unsere Mitglieder ihre Stimmen abgegeben, wie ver.de 10.000 EUR von unserem Geld anlegen soll.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Was habt Ihr herausgefunden?

Dr. Marie-Luise Meinhold: „Die Besucher*innen wollen am liebsten, dass das Geld in nachhaltige Landwirtschaft (24,5 Prozent) angelegt wird. Die zweit beliebteste Option ist klimafreundliche Mobilität (19,7 Prozent). Weiter ging es mit sozialgerechtem Wohnen (19,3 Prozent) , erneuerbaren Energien (18,9 Prozent), gesunder Ernährung (11,2 Prozent) und grünem Geld (6,4 Prozent).

Da gehen wir jetzt an die Umsetzung und legen das Geld genau so an. Und darüber berichten wir dann wieder in unserem Newsletter.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Wie kann man bei Euch mitmachen?

Dr. Marie-Luise Meinhold: „Wir geben bald Genussrechte aus. Damit wird der Ausbau der ver.de Projektgesellschaft AG zur ver.de Versicherungs-AG finanziert. Die Genussrechte werden in Aktien umgewandelt, sobald die Summe von mindestens vier Millionen Euro zusammengekommen ist. Das Geld wird wie das Kapital der ver.de Projektgesellschaft transparent, sicher und mit sozial-ökologischer Wirkung angelegt. Es kann wieder abgezogen werden, so lange die Genussrechte nicht in Aktien umgewandelt wurden. Ab da erhält man statt der Genussrechte Aktien. Auf Wunsch können die Genussrechte dann auch statt in Aktien in ein Nachrang-Darlehen umgewandelt werden.

Warum sollte man trotzdem zudem Mitglied in der ver.de eG werden? Die Mitgliedschaft unterstreicht unsere sozial-ökologische Ausrichtung und ist ein Statement für Partizipation und Gleichberechtigung. Denn in der Genossenschaft haben alle Mitglieder eine Stimme. Die Mitgliedschaft ist möglich ab 300 Euro und sinnvoll bis 30.000 Euro.

Die Genossenschaft möchte und soll perspektivisch der Hauptaktionär oder sogar der Alleinaktionär werden. Dies ist allerdings ein recht langer Weg. Derzeit kann die Genossenschaft nur ca. 40.000 Euro investieren und entsprechend wenig Anteile an der AG halten. Wenn die Aktionäre ihre Anteile wieder veräußern wollen, bieten sie diese zunächst der Genossenschaft an. Wenn die Genossenschaft wächst, kann sie die Anteile der verkaufswilligen Aktionäre aufkaufen.

Wenn sie darüber hinaus über Mittel verfügt, kann sie jährlich ihren Anteil im Rahmen des vorab genehmigten Kapitals erhöhen. Schließlich stellt die Genossenschaft den Nachhaltigkeitsbeirat und erhält dadurch einen Sitz im Aufsichtsrat. Durch diese Maßnahmen soll die Rolle der Genossenschaft in der Versicherungs-AG gestärkt und hin zum Haupt- bzw. sogar Allein-Aktionär ausgebaut werden. Natürlich sind Versicherungsunternehmen in der Regel profitabel und auch ver.de will profitabel sein. Im Moment sind wir noch im Aufbau. Doch darum geht es nicht nur. Es geht in erster Linie um den glaubwürdigen Beweis, dass Geld durch ein Versicherungsunternehmen einen positiven Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann.

Wir suchen Partner*innen, als Zeichner*innen unserer Genussrechte der ver.de AG, und als Mitglieder unserer Genossenschaft, die die Bedeutung und den Hebel der Versicherungswirtschaft erkennen. Und die Lust haben, diesen Weg hin zu einer sozial-ökologischen Transformation unserer Gesellschaft und des Finanzsektors mit uns zu gehen.“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Was sind Eure nächsten Schritte?

Dr. Marie-Luise Meinhold: „Zunächst wollen wir zeitgleich zum Münchener Klimaherbst mit ver.de BIKE das erste Produkt der ver.de Projektgesellschaft AG auf den Markt bringen: Eine Absicherung für Fahrräder gegen Schäden aus Diebstahl. Wir haben mit der BaFin einen Weg gefunden, wie wir das auch ohne die erforderliche Zulassung für ein Versicherungsunternehmen jetzt schon tun können. Es gilt zunächst nur in München. Bei Diebstahl eines Fahrrads erhalten die Kund*innen ein neues Rad bei eine*r von uns ausgewählten, sozial-ökologisch ausgerichteten Fahrrad-Anbieter*in.

In 2019 wollen wir alles stabil aufstellen. Im Frühjahr 2020 wollen wir mit ver.de BIKE stärker durchstarten und überlegen, ob und wie wir in ähnlicher Weise weitere Produkte und Module aufsetzen können, zum Beispiel fürs Handy oder auch für Fahrrad-Reparatur.

Die ver.de Genossenschaft hat bereits ihr erstes Produkt am Markt. Der ver.de CHECK bringt sozial-ökologisch ausgerichtete Kund*innen und ebenso ausgerichtete Finanzexpert*innen zusammen. Bisher wurden ca. 20 Kund*innen so vermittelt. Im Moment überarbeiten wir den CHECK gerade, um die Erwartungen der beiden Seiten noch besser in Einklang zu bringen.

Dann setzen wir unser vielfältiges politisches Engagement fort. So unterstützen wir Fridays4future und haben alle am 20.9.2019 aufgerufen, gemeinsam zu streiken, damit wir alle ein wirksames Zeichen für Klimaschutz setzen können und mehr Akteure endlich handeln.

Mit #Bike5 setzen wir uns dafür ein, kürzere Strecken mit dem Rad zurück zu legen. Ist gesünder, macht mehr Spaß, schont die Nerven, erübrigt die Parkplatzsuche und schont nebenbei das Klima und die Luft in unseren Städten. Gerade Asthmatiker und ältere Menschen profitieren von der besseren Luft mit weniger Feinstaub.

ver.de BIKE hilft den Menschen, auch ihre teuren Räder im Alltag öfter ein zu setzen ohne Angst vor Diebstahl. So können sie leichter von anderen Verkehrsmitteln auf ihr tolles Rad oder e-Bike umsteigen.

Dann öffnen wir unsere Genussrechte für Dritte und hoffen, dass sich möglichst viele Menschen auch dafür interessieren!“

Annegret Kitzmann-Schubert: „Vielen herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Euer spannendes Projekt!“