Wie man frei und freudvoll erbt: Interview mit Nicole Rupp

Die Beziehung, die wir zum Geld haben – das ist es, was Nicole Rupp mit großer Leidenschaft erforscht. Sie berät Menschen als Geldbeziehungscoach, hat Bücher geschrieben und hält Vorträge. Eine besondere Expertise hat Nicole rund um das Thema „Erben“ aufgebaut. Ich fand es spannend, mich mit ihr darüber zu unterhalten, denn nicht alle sind „fröhliche Erben“ und es gibt Vieles, was man beim Erben anders und besser machen kann. Aber lesen Sie selbst!

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge prognostiziert, dass von 2015 bis 2024 rund 3,1 Billionen Euro vererbt werden. Rund ein Fünftel aller Geldvermögen gehen dabei von den Erblassern an ihre Nachfolger. Jedes sechste Haus bekommt einen neuen Eigentümer. Rund 109 Milliarden Euro wurden 2016 laut Statistischen Bundesamt durch Erbschaften und Schenkungen übertragen, sechs Prozent mehr als im Jahr 2015.

Ein wichtiges Thema also, das vor allem die breite Generation der Babyboomer gerade beschäftigt, deshalb habe ich mit Nicole Rupp darüber gesprochen. Seit ich ihr Buch „Wer spart, verliert“ gelesen hatte, bin ich ein Fan von ihr. 2014 hatte ich sie bereits in meinem Blog interviewt: Geld konfrontiert uns mit uns selbst: Fünf Fragen an Nicole Rupp. In diesem Interview wollte ich von ihr etwas über das Erben erfahren. Meine sechs Fragen und ihre sechs spannenden Antworten lesen Sie hier:

Anne Kitzmann: Ein Erbe besteht aus Vermögen und Geld. Stimmt das?

Nicole Rupp: Man kann auch Belastungen erben: Schulden. Oder Dinge, bei denen schwer zu durchforsten ist, was wertvoll oder Kunst oder eben einfach überbewerteter Krempel ist.

Darüber hinaus können innere Belastungen Teil des Erbes sein, wie beispielsweise übernommene, begrenzende Gedanken, vorgeschriebene Verhaltensweisen oder gar Verbote und subtile Erwartungen, die auch nach dem Tod des Erblassers sehr stark im Innern eines Erben wirken können.

Wenn man glaubt, das Erbe nicht verdient zu haben, dann ist das eine Belastung und Unsicherheit. Das Ergebnis ist dann eher ein Gefühl des Versagens statt der freudvollen Fülle am Erbe.

Wenn man meint, damit so umgehen zu müssen, wie es durch die Erschaffer und Vererber vermeintlich gewünscht ist, dann kann das Menschen komplett von ihrem eigenen Weg abbringen.

Anne Kitzmann: Mit dem Erbe verbinden viele den Gedanken an einen Gewinn, ein Mehr, etwas Positives. Das ist also nicht immer so?

Nicole Rupp: Erbe ist sehr idealisiert. Dies schürt die ohnehin bestehenden Ungerechtigkeitsgefühle in unserer Gesellschaft; und dies zum Teil wirklich unnötig. Natürlich wird Erbe einerseits zu immer größerer Ungleichverteilung beitragen. Doch andererseits macht mehr Geld nicht immer glücklicher, wenn mal ein gewisser Lebensstandard erreicht ist. Das ist wichtig, zu realisieren, anstatt ‚immer mehr Geld‘ zu idealisieren.

Mehr ererbtes Geld bringt nicht immer mehr Erfüllung und Erfolg. Im Gegenteil: Viele Menschen, die sehr viel erben, tun sich schwer damit, frei ihren eigenen Weg zu gehen und ihr Talent zu leben. Sie sind zu geprägt von dem Erbe und den damit verbundenen Verpflichtungen oder zu beschäftigt mit der Verwaltung, Nutzung oder auch der Ausschöpfung des Erbes. Dies sieht nach außen – rein materiell betrachtet – nach beneidenswerter Fülle aus, doch es kann sich ganz anders anfühlen.

In vielen Familien gibt es – nicht ganz unberechtigt – die Angst, dass die Kinder durch den Wohlstand auf die schiefe Bahn geraten und Drogen nehmen können. Und tatsächlich machen ja auch die verschiedensten Süchte nicht vor Reichtum halt, sondern drücken sich lange erst mal still und unentdeckt aus, seien es Alkohol-, Tabletten-, Drogen-, Kauf- oder Spielsüchte. Die Grenze zwischen gesundem Genuss und einer entstehenden Sucht ist oft fließend; und dennoch nur Ausdruck der natürlichen, berechtigten Suche eines Menschen nach einem tieferen Sinn.

Zwischenmenschlicher Austausch auf Augenhöhe bleibt für jeden Menschen eine wichtige Quelle des Glücks. Und gerade diese kann durch sehr viel Geld und Vermögen strapaziert werden, versiegen und zu einem Mangel an erfüllendem Austausch führen.

Anne Kitzmann: Welche Gefühle empfinden Erben?

Nicole Rupp: Freude, Glück, Erfüllung, Dankbarkeit, Freiheit. Und auch das genaue Gegenteil: Angst, Unsicherheit, Versagensgefühle, Trauer, Wut, Ohnmacht. Da ist je nach Mensch und Situation alles möglich.

Es gibt viele wahrgenommene Ungerechtigkeiten beim Erbe, über die nie zuvor geredet wurde. Verständlicher Weise führt dies nicht zu direkter Freude und Freiheit, sondern auch erst mal zu Enttäuschung, Verletzung, Ohnmacht. Wut ist dabei nicht so negativ, wie es zunächst erscheint. Den meisten Menschen ist ihre Wut in diesem Falle selbst unangenehm und sie versuchen, sie sich auszureden. Dabei kann sie auch einfach nur berechtigt sein und zu einer Lebendigkeit führen, die die Ohnmacht erlöst. Auch wenn es klarer Weise immer darum geht, bedrückende und unerlöste negative Gefühle zu erlösen, wenn man ein Erbe frei und freudvoll und im inneren Frieden genießen will. Und nur dann ist es ja eine wahrlich echte Bereicherung.

Da ‚Erbe‘ so grundsätzlich idealisiert ist, fehlt uns das Mitgefühl für all die Gefühle und Befindlichkeiten reicher Menschen. Sobald man Geld hat, hat man keine Probleme mehr, glauben viele Menschen. Dass man auch mit viel Geld und Erbe alleine und überfordert sein kann, nicht weiß, wo man anfangen soll, den Boden verliert, verunsichert ist, keine Relationen mehr kennt, Versagensängste hat usw. usf. ist uns viel zu wenig bewusst. Hier fehlt häufig das Verständnis im Umfeld.

Anne Kitzmann: Viele Erben fühlen sich dem Erblasser und dem Erbe verpflichtet. Sie wollen des Erbes „würdig“ sein. Wie gelingt dem Erben das?

Nicole Rupp: Das ist ein ganz zentraler Punkt: Vielen Erben ist gar nicht bewusst, dass sie ihr Erbe nie wirklich und von Herzen angenommen haben. Und wenn man es nicht von Herzen angenommen hat, dann kann man es auch nicht fühlbar im eigenen Leben integrieren, Freude damit erleben und souveräne, freie Entscheidungen treffen.

Man versucht es zu bewahren und zu verwalten und zu vermehren. Doch vielleicht ist der höhere Sinn ein ganz anderer? Wenn Geld und Erbe mehr Freiheit, Sicherheit und Glück bringen soll, dann ist es wesentlich wirklich frei, sicher und Glück bringend damit umzugehen. Das setzt ein gesundes Verständnis für Geld voraus, für die eigenen Werte, für das, was zu einem passt oder eben auch nicht.

Aus meiner Sicht ist es enorm wichtig für die positive Entwicklung des Erbes und das fühlbare Lebensglück, das es mit sich bringt, wenn man in aller Dankbarkeit und Demut das eigene Erbe erst mal ganz zu seinem eigenen macht und wirklich von Herzen annimmt. Für eine gesunde Beziehung zu Geld und eben auch Erbe ist es wichtig, dass das eigene Denken, Fühlen und Handeln im Einklang sind.

Viele versuchen, mit dem Erbe so umzugehen, wie es der Vererber getan hätte. Das gelingt natürlich nicht wirklich, es dient ja auch demjenigen nicht mehr und man selbst bringt sich dabei zunehmend in Unsicherheit bei Entscheidungen und verpasst es, die eigenen Werte zu leben – und damit ein viel größeres Maß an Erfüllung und Sinn.

Anne Kitzmann: Wenn es mehrere Erben gibt, hört man oft von Streit und Unverständnis unter den Parteien. Wie können Erben ein Erbe friedvoll antreten?

Nicole Rupp: Am schlimmsten ist die Angst vor dem Streit. Hier haben wir viele negative Bilder im Kopf und auch die Medien bestärken diese, indem sie die schlimmsten Klischees in zahlreichen Krimis bedienen. Freudvolles Erben existiert da in unseren Köpfen noch gar nicht. Doch genau aus diesen Ängsten heraus wird vorsorglich vieles nie angesprochen, sondern fleißig unter den Teppich gekehrt in der verrückten Hoffnung, dass sich das von alleine verbessern wird.

Alles, was man klären kann, sollte man rechtzeitig klären. Ängste, die davon abhalten, sollte man zielstrebig auflösen, damit diese freien Gespräche möglich werden. Dann können Gespräche über Geld und Erbe Beziehungen extrem bereichern und stärken, denn in Wahrheit geht es ja nie nur um Geld und Erbe, sondern um Lebenseinstellungen, Werte, Wertschätzung.

‚5 Tipps für’s Erben‘ habe ich übrigens als kleines eBook zusammengestellt und stelle sie gerne per E-Mail zur Verfügung (nicole.rupp (ät) geldbeziehung.de).

Anne Kitzmann: Welche Fragen hörst Du immer wieder, wenn Du mit Erben in Deinem Geldbeziehungscoaching arbeitest?

Nicole Rupp: Für viele geht es erst mal um Anerkennung und Verständnis – für ihre individuelle Situation und ihre Gefühle. Diese Form der Selbstbestätigung ist wichtig, insbesondere auch deshalb, weil wir einen so einseitig idealisierten Blick auf das Erben haben und erwarten, dass jeder ausschließlich glücklich ist.

Erbe ist im Grunde immer ein Ausnahmezustand: Manchmal, weil es durch den unerwarteten Tod eines geliebten Menschen kommt – was viele völlig überfordert und innerlich erst mal in Abwehr zu dem Erbe bringt. Doch ganz grundsätzlich ist Erbe völlig entkoppelt von Leistung und Gegenwert und damit von dem Lebensalltag in den wir hineinerzogen werden, in dem es um Bildung, Arbeit, Leistungserbringung geht und man sich sein Leben selbst sichert. Ein Erbe schafft eine völlig neue Situation, die vieles in Frage stellt oder Verhältnismäßigkeiten auf den Kopf stellt. Dies kann höchst verunsichernd sein und bei jeder zu treffenden Entscheidung Unsicherheiten auslösen, die man bis dahin nicht kannte.

Für das bisherige Umfeld sind viele Probleme und Befindlichkeiten nicht nachvollziehbar und werden schnell mit kleinen Randbemerkungen abgetan. Schlimmstenfalls mit ‚Stell Dich nicht so an‘ oder ‚Deine Probleme hätte ich gerne‘.

Da ich mit sehr bewussten und ethischen Menschen zu tun habe, stellen sich viele auch die Frage nach Sinn und Gerechtigkeit. Wenn man ein Erbe als ungerecht empfindet, gefährdet man das Erbe, indem man aus Schuldgefühlen oder Unsicherheiten falsch damit umgeht und Geld riskiert oder verliert. Deshalb ist es so wichtig, alles, was ist, erst mal dankbar anzunehmen. Dadurch kommt man in eine Handlungsstärke und kann dann souverän, frei, gelassen und in voller Freude das tun – oder auch lassen – was man wirklich will und wozu man in der Welt beitragen will. Dann ist Erbe umso erfüllender und machtvoller.

Anne Kitzmann: Vielen Dank für das Gespräch, liebe Nicole!

 

Glücklich erben – wenn Sie Impulse zu diesem Thema im kleinen exklusiven Rahmen suchen, dann möchte ich Sie auf den „Goldenen Abend für Erbinnen“ hinweisen. Das Motto: Fülle, Gold und Köstlichkeiten! Wir werden auch im neuen Jahr im Südosten Münchens im kleinen, exklusiven Rahmen über dieses Thema sprechen:

  • Erben wollen, können, dürfen: Meine Beziehung zu meinem Erbe – Nicole Rupp berichtet, wie Erben das Leben verändern kann, sie spricht über die Last von Vermächtnissen, von der Angst vor der Verantwortung und von der Wertschätzung, die alles verändern kann.
  • Lebensträume erfüllen, Gutes tun, eine Zukunft aufbauen – Was Sie mit einem Erbe alles machen können: Ich zeige typische Szenarien des Erbens und schildere, wie Sie anders, besser und nachhaltig mit Ihrem Erbe umgehen können.

Wir erzählen Geschichten, die das Erben schreibt und beantworten Ihre ganz persönlichen Fragen. Melden Sie sich für den Newsletter an, dann verpassen Sie nicht den nächsten Termin!

Lebensfreude stiften: 10 wertvolle Erfahrungen, die ich in 15 Jahren Selbständigkeit gemacht habe

Im Sommer 2002 habe ich meine Selbständigkeit begonnen. Seither habe ich viele Menschen dabei begleitet, Werte zu schaffen, zu bewahren und ihr Leben mit Geld sinnvoll zu gestalten. In den letzten Tagen bin ich durch das Album meiner Erinnerungen der Kanzlei für Wirtschaft und Realitäten gegangen und habe für Sie zusammengestellt, was ich über die Menschen, ihr Geld und mein Geschäft in den vergangenen 15 Jahren gelernt habe: Weiterlesen

Großartige Neuigkeiten für unseren Workshop „Meinen Lebenstraum leben – mit und ohne Geld“

2017-04-21 Japanisch am Gong

Quelle: Bernhard Akula

Den „Abend der weiblichen Ur-Kraft“ vor unserem wunderbaren Workshop am 08. Juli 2017 verbringen wir an einem Feuer im Garten des RefugioO in Ainring zu Füßen des Untersberg, der als ein bedeutender Kraftort in Europa gilt. Um uns gemeinsam an diesem Abend aufeinander und auf unseren Workshop einzustimmen, konnten wir Bernhard Akula von Gong Flying für eine Meditation mit Gongs gewinnen. Welche wunderbaren Wirkungen eine Gong Meditation bei Menschen auslösen kann, erfahren Sie in dem folgenden Interview mit Bernhard.
Weiterlesen

3 Gründe, warum Frauen über Geld nachdenken müssen

Frauen und Geld – Google News spuckt bei diesen Suchbegriffen aktuell u.a. die Antwort auf die Frage aus, warum Frauen so gerne shoppen gehen, wie es um die ungleiche Bezahlung von Frauen zum Equal Pay Day steht und informiert über eine Studie zur Finanzplanung von Frauen. Was diese drei Suchergebnisse mit der Lebensplanung von Frauen zu tun haben, dazu erfahren Sie mehr in diesem Blogartikel.
Weiterlesen

Meine 5 besten Geld-Tipps für 2017

bild-5-geldtipps-2017

Sie haben schon über Ihre Wünsche, Träume und Projekte für 2017 nachgedacht? Und bereits das passende Budget dafür gefunden? Wenn Sie noch mitten in Ihrer Finanzplanung stecken, dann finden Sie in meinen fünf besten Geld-Tipps für den Start ins neue Jahr viele Anregungen, wie Sie mehr aus dem machen, was Sie schon haben:
Weiterlesen

Workshop für Frauen „Mein Leben, mein Geld“: Danke!

IMG_4156

Danke für die Mitwirkung! Annette und ich möchten uns bei allen unseren Teilnehmerinnen ganz herzlich bedanken, dass Ihr den Weg zu unserem Workshop gefunden habt und Euch die Zeit dafür genommen habt. Es war ein rundes und feines Event in dem wunderschönen RefugioO im Kraftort Ainring am Untersberg bei Salzburg. Einmalige Natur, strahlender Sonnenschein, viel Reflektion, Kreativität und herzliches gemeinsames Lachen haben uns einen tollen Tag beschert.  Weiterlesen