Wissen schafft Handlungsspielraum: Fünf Fragen an Karin Tegtmeier

Karin Tegtmeier

Sie ist eine internationale Personalmanagerin mit 25jähriger Erfahrung in der europäischen Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie. Karin Tegtmeier kennt sich aus, wenn es um Personal- und Organisationsentwicklung, interkulturelle Kommunikation oder Führungskräftecoaching geht. Zurzeit führt sie in Frankreich ein internationales Team in Deutschland, Frankreich sowie England. Ihr neuestes berufliches Interessensgebiet: Ältere Mitarbeiter und Coaching.

Wann hatten Sie zum ersten Mal im Leben eigenes Geld?
Karin Tegtmeier: „Seit meinem vierzehnten Lebensjahr habe ich in den Sommerferien – und später in den Semesterferien – gejobbt. Jedes Mal ging es darum, Sonderausgaben und Extrawünsche zu finanzieren, z.B. den Urlaub ohne Eltern, das neue Sofa, das Auslandssemester, das gebrauchte Auto. Meine Eltern bestanden auf einer Hinzufinanzierung bei ‚Sonderwünschen‘, wie sie es nannten. Ich glaube, dass ich dadurch früh an Selbständigkeit gewonnen und es gelernt habe, den Preis der Dinge zu bemessen.“

Beschäftigen Sie sich gerne mit Geld?
Karin Tegtmeier: „Nein, aber meine finanzielle Situation zu kennen, trägt zu meiner Handlungsfreiheit bei, und die ist mir wichtig. Geld ist für mich kein Selbstzweck, doch wichtige Veränderungen im Leben lassen sich leichter bewerkstelligen, wenn man seine finanzielle Situation und Entwicklung kennt. Ich habe mit Anfang 40 mein Leben radikal verändert: Scheidung, neuer Job, neue Firma, neues Land. Dieser große Sprung – über den ich immer noch sehr glücklich bin – war nur möglich, weil ich erstens einen Ehevertrag hatte und zweitens meine finanzielle Situation gut kannte: Wie kann ich den Kredit für das Haus tilgen? Wieviel Miete muss ich also bekommen und wieviel kann ich verlangen? Wie hoch ist mein Einkommen heute und in einigen Jahren, inkl. Sonderleistungen wie Firmenwagen, Betriebsrente etc. Welches Gehalt kann ich auf dem Arbeitsmarkt realistischer Weise erreichen, und welches Gehalt muss ich somit verhandeln? Wann lasse ich besser alles beim Alten?
Seit diesem Neuanfang gestalte ich mein Leben bewusster und dazu gehört die Kenntnis meiner Finanzen. Tatsächlich habe ich jedes Mal, wenn ich mich intensiv mit Geld beschäftigt habe, hinterher mehr Möglichkeiten gesehen als vorher. Vor eineinhalb Jahren habe ich zum zweiten Mal geheiratet, und selbstverständlich ging ich davon aus, wir würden wieder einen Ehevertrag schließen, doch mein Mann wollte das nicht: ‚Entweder planen wir unsere Zukunft gemeinsam oder wir lassen es, wie es ist!‘ war seine Meinung. Schließlich haben wir sehr unromantisch und radikal unsere Vermögenssituationen verglichen – und siehe da: Wir stehen finanziell so ähnlich da, dass wir tatsächlich keinen Ehevertrag brauchten. Andererseits hat uns die neue Perspektive, zu zweit über das gemeinsame Einkommen und Vermögen zu verfügen, einen enormen Handlungsfreiraum gegeben, den ich mir gar nicht vorgestellt hatte!“

Welchen Geldtipp würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Karin Tegtmeier: „Ich empfehle, Gehaltsverhandlungen gut vorzubereiten: Erstens: Es geht nicht darum, aggressive Ansprüche zu stellen. Haltlose Forderungen bewirken nichts. Dank Internet ist es einfach, sich über vergleichbare Gehälter zu informieren und dann muss man Forderungen mit guten Argumenten und mit Fakten hinterlegen. Wenn eine Gehaltsforderung begründet und plausibel ist, hat sie gute Aussichten auf Erfolg. Zweitens: Man muss verhandeln, wenn die andere Seite einen haben will – und nicht, wenn man schon dort ist! Bei der Gehaltsvereinbarung zum Jobwechsel hat der einstellende Manager die größtmögliche Freiheit. Bei nachfolgenden Gehaltserhöhungen ist er oft in Gehaltssysteme eingezwängt, so dass Sie jahrelang mitschleppen, was Sie beim Einstellungsgehalt verpasst haben. Nur selten lässt sich das auf derselben Stelle ausgleichen. Drittens: Immer den Wert auf dem Arbeitsmarkt im Auge behalten: Wenn ich meinen heutigen Job zwei weitere Jahre mache, bleibt dann mein Wert auf dem Arbeitsmarkt gleich, steigt oder sinkt er? Daran merkt man, wann es Zeit wird für einen Wechsel.“

Wenn Sie viel Geld hätten, was würden Sie damit machen?
Karin Tegtmeier: „Eine Weltreise unbestimmter Dauer: Ich würde einfach mit meinem Mann losreisen, um neue Länder und Kulturen nicht als Tourist, sondern als Reisende zu erleben. Der Unterschied? Der Reisende hat lediglich seine Abreise organisiert und weiß nicht genau, wie es danach weitergeht. Er hat sich auf eine Reise begeben…“

Verwirklichen Sie Ihre Wünsche und Träume mit Hilfe von Geld?
Karin Tegtmeier: „Auf jeden Fall – dazu ist es ja da! Doch Vorsicht: Geld kann gleichermaßen frei und unfrei machen! Daher finde ich es wichtig, mein Konsumverhalten ab und zu reflektieren. Erfüllung hat mit Geld nichts zu tun, doch manchmal tritt Konsum an ihre Stelle. Wenn Urlaube und Handtaschen immer teurer werden, droht die Kompensationsfalle, weil man sich ja sonst nichts gönnt und wozu arbeitet man schließlich so viel? Eine Falle wird es, wenn mich der Erhalt eines hohen Lebensstandards unfrei macht in der Entscheidung über was, wieviel und für wen ich arbeiten möchte. Verhindert die Erfüllung teurer Wünsche die entschlossene Frage nach der Erfüllung des Lebenstraums? An dieser Frage sollte kein Weg vorbeiführen – und dabei kann Geld erstaunlicherweise helfen. Ich habe selber die Kompensationsfalle erlebt und ich möchte mich nicht vom Konsum von meinem Lebenstraum abhalten lassen: ‚What do I want to add to the world?‘ Und ganz nebenbei freue ich mich über meine schicke neue Handtasche!“

Vielen Dank!

Übrigens: Sie möchten auch Extrawünsche, Kompensationsfallen oder Ihren Lebenstraum in Bezug auf Geld nachdenken? Alle Informationen über unseren Workshop „Mein Leben, mein Geld“ finden Sie hier. Sind Sie dabei?

 

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